Politische Wertung des Westwalls
Einige Anmerkungen zur Politik Hitlers und der NSDAP:
Divide et impera!
„Von wem fordert er das? Wer kann das anordnen? Ich ganz allein. Also, der Herr Redakteur fordert im Namen seiner Leser von mir, daß ich das tue. Zunächst: Längst bevor dieser Redakteur von der Judenfrage eine Ahnung hatte, habe ich mich doch sehr gründlich damit beschäftigt; zweitens dieses Problem der Kennzeichnung wird seit zwei, drei Jahren fortgesetzt erwogen und wird eines Tages so oder so natürlich auch durchgeführt. Denn das Endziel unserer ganzen Politik ist uns ja allen ganz klar. Es handelt sich bei mir nur immer darum, keinen Schritt zu machen, den ich vielleicht wieder zurück machen muß, und keinen Schritt zu machen, der uns schadet. Wissen Sie, ich gehe immer an die äußerste Grenze des Wagnisses, aber auch nicht darüber hinaus. Da muß man die Nase haben, ungefähr zu riechen: ‚Was kann ich noch machen, was kann ich nicht machen?‘ Auch im Kampf gegen einen Gegner. Ich will ja nicht gleich einen Gegner mit Gewalt zum Kampf fordern, ich sage nicht: ‚Kampf!‘, weil ich kämpfen will, sondern ich sage: ‚Ich will dich vernichten! Und jetzt, Klugheit, hilf mir, Dich so in die Ecke hineinzumanövrieren, daß Du zu keinem Stoß mehr kommst, und dann kriegst Du den Stoß ins Herz hinein:‘“
(aus: Weltgeschichte im Aufriß 3/1, Frankfurt, 1976, S. 400f.)
Diese Erwiderung auf den Vorschlag eines Redakteurs einer Provinzzeitung, der die Kennzeichnung jüdischer Geschäfte gefordert hatte, legt paradigmatisch die Strategie Hitlers dar, der einerseits opportunistisch von Fall zu Fall entschied aber seine grundsätzlichen Ziele wie das der Gewinnung des Lebensraums im Osten oder seine Maximen von der sog. Vorherrschaft arischen „Rasse“ und der angebliche Minderwertigkeit von Juden und anderen Bevölkerungsgruppen, wie es in seinem Buch „Der Kampf“ dargelegt hatte, nie aus den Augen verlor. Der Bau des Westwalls war ein wichtiger Baustein dieser Politik, denn um einen wahrscheinlichen Zweifrontenkrieg zu vermeiden, sollten die Anlagen die Westmächte davon abhalten in Deutschland einzugreifen, solange das Deutsche Reich Krieg in Polen führte.
Diese Funktion des Westwalls wird in einem Ausspruch Hitlers selber entlarvt. In einer Besprechung (bei Hitler waren es eher Monologe) mit den Oberbefehlshabern der Wehrmacht am 23.11.1939 äußerte er sich folgendermaßen: „Ein Jahr später kam Österreich, auch dieser Schritt wurde für bedenklich angesehen. Er brachte eine wesentliche Stärkung des Reichs. Der nächste Schritt war Böhmen, Mähren und Polen. Aber dieser Schritt war nicht in einem Zuge zu tun. Zunächst mußte im Westen der Westwall fertiggestellt werden. Es war nicht möglich, das Ziel in einem Anhieb zu erreichen. Vom ersten Augenblick an war mir klar, daß ich mich nicht mit den sudetendeutschen Gebieten begnügen würde. Es war nur eine Teillösung. Der Entschluß zum Einmarsch in Böhmen war gefaßt. Dann kam die Errichtung des Protektorats, und damit war die Grundlage für die Eroberung Polens gelegt, aber ich war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht im klaren, ob ich erst gegen den Osten und dann gegen den Westen oder umgekehrt vorgehen sollte. Moltke hat seinerzeit oft die gleichen Überlegungen angestellt. Zwangsläufig kam es erst zum Kampf gegen Polen. Man wird mir vorwerfen: Kampf und wieder Kampf. Ich sehe im Kampf das Schicksal aller Wesen. Niemand kann dem Kampf entgehen, falls er nicht unterliegen will. Die steigende Volkszahl erforderte größeren Lebensraum.“ (aus: Hofer, W.: Der Nationalsozialismus - Dokumente 1933-1945. Frankfurt, 1982, S. 196f.; Hervorhebung von mir)
Der Staat Hitlers war totalitär, das heißt, jeder Bürger wurde von seiner Geburt bis zum Tode in ein Gesamtsystem (Pimpfe, HJ, BDM, NSDAP, Waffen-SS usw.) eingebunden. Anders als viele einfache Diktaturen verlangte er nicht nur den Verzicht auf freie Meinungsäußerung oder politischer Meinungsbildung, sondern Zustimmung. „Unpolitische“ Bereiche innerhalb des NS-Staates gab es de facto nicht, auch wenn genau dies den Zeitgenossen vermittelt werden sollte. Das Wunschkonzert war keine einfache Radiosendung, sondern sollte die Stimmung an der Front und im Reich heben und den Gemeinschaftssinn stärken. Die Sozialpolitik (von Götz Aly vor wenigen Jahren überzeugend untersucht) diente ebenfalls dazu, die Zustimmung der Bevölkerung zu sichern. Die Autobahnen sollten der Welt beweisen, wie modern Deutschland war, das Winterhilfswerk stärkte die sog. „Volksgemeinschaft“ und die Filme mit Heinz Rühmann sorgten für den Humor.
Was bedeutet dies?
Es geht darum, diese Zusammenhänge aufzuzeigen und zu entlarven. Die Maßnahme an sich ist nicht notwendigerweise negativ zu beurteilen. Es spricht nicht gegen eine gute Sozialpolitik, bloß weil Hitler diese mißbraucht hat. Und obwohl der VW Käfer als KDF-Wagen für den sog. Volksgenossen gebaut wurde, blieb es ein gutes Auto und wurde in den 1960ern zur Ikone der Hippie-Bewegung. Der Mißbrauch eigentlich unpolitischer Dinge durch das NS-Regime stellt vor allem eine schwere intellektuelle Hypothek für die Nachkriegsgeneration dar. Es muß immer hinterfragt werden, ob es sich um ein tatsächlich „unpolitisches“ Phänomen handelt (Beispiel: Der Film Die Feuerzangenbowle), das zur Zerstreuung mißbraucht wurde oder ob es mehr oder weniger verdeckte Propaganda enthält (Beispiel der Film Quax der Bruchpilot, der Jugendliche für den Flugsport, d.h. Luftwaffe begeistern sollte).
Aus dem Grund hatte Nobert Blüm recht, als er in den 1980er Jahren feststellte:
„Ich habe die Gesänge von der treuen Pflichterfüllung nie verstanden, wenn nicht zuvor geklärt war, in wessen Dienst diese Pflichterfüllung steht. Ob einer im KZ Hitler gedient hat oder an der Front, macht in meinen Augen nur einen graduellen Unterschied aus. Das KZ stand schließlich nur so lange, wie die Front hielt.“ (zit. n. http://nrw.vvn-bda.net/bilder/Militarismus.pdf, aus: Der Spiegel)
Die Wehrmacht war eine Armee von Wehrpflichtigen und bestand deshalb keinesfalls durchgehend aus Nazis. Es gab in ihren Reihen nicht wenige Gegner und aktive Widerstandskämpfer. Es geht aber nicht um die Gesinnung Einzelner, sondern um die Wehrmacht als Ganzes, die sich als ein willfähriges Instrument Hitlers erwiesen hatte. Nur mit der SS alleine hätte Hitler wohl schwerlich Europa erobern können. Diese Tragik und Verstrickung wird beispielsweise in dem Roman „Des Teufels General“ von Carl Zuckmeyer behandelt.
Was bedeutet das für den Westwall?
Der Westwall war:
- ein Propagandainstrument (Um diese Wirkung zu unterstreichen betrieb die Regierung ein ungeheure propagandistische Aktivitäten und schuf so den Mythos des Westwalls (Schaffung eines Mythos durch Filme, Zeitschriften usw.).
- ein Instrument zur Stärkung der sog. „Volksgemeinschaft“ („Der Westwallarbeiter“ beim Bau)
- ein Instrument, Sicherheit zu vermitteln bzw. vorzugaukeln (im Inland sowie im Ausland)
- Ein Abschreckungsinstrument, das die Westmächte vom Krieg abhalten sollte
- ein Instrument, das dem westlichen Ausland das Bild eines angeblich defensiven Charakters Deutschlands vermitteln sollte
- ein Instrument, das durch die harten Arbeitsbedingungen die Bevölkerung an die Entbehrungen des Krieges „gewöhnt“.
- und eine „Stahl- und Betonvernichtungsmaschine“ (diese Funktion war allerdings nicht beabsichtigt)
Daraus ergibt sich, daß ein Phänomen wie der Westwall nicht isoliert betrachtet werden darf.
Insofern besitzt der Westwall eine andere Qualität als etwa die Festung Ehrenbreitstein in Koblenz oder die Maginot-Linie in Frankreich)
Daraus folgt, daß mit den heutigen Überresten der Anlagen politisch und historisch Interessierten einiges der genannten Funktionen vermittelt werden kann (eine gute Qualität des Dozenten / Gästebegleiters vorausgesetzt). Diese Chance sollte nicht ungenutzt bleiben.
Ein Beispiel aus der Nachkriegszeit für die Chancen, die sich aus der Anwendung archäologischer und historischer Methoden ergeben:
Für den Laien sind nur drei kleine Steine im Unterholz zu sehen:

Nun ja, die beiden kleinen quadratischen Steine auf dem Bild sind Fundamente eines französischen Zollhäuschens in Sinz (Saarland). Der große Stein in der Mitte Teil einer Treppe. Interessant ist die Sache dadurch, daß beides sich keine fünf Meter vor einem Westwallbunker stand (auf dem folgenden Foto ist der heute überwachsene Bunker zu erkennen).
Was bedeutet das? Es ist ein Beispiel für Territorialpolitik im 20. Jahrhundert. Auf dem Ruinen des Bunkers wird ein Symbol der neuen Macht errichtet. Für diese aufschlußreiche Entdeckung bin ich Herrn Sebastian Kirch vom Westwallmuseum Sinz zu Dank verpflichtet.
Hier ist der Bunker:

Zugegeben, er ist kaum zu erkennen. Aber das ist das Schicksal der meisten Anlagen des Westwalls. Sie sind heute nur für das geübte Auge des Archäologen oder Bunkerexperten identifizierbar.
Ein nicht ganz ernstzunehmender Beitrag zum Thema Pädagogik findet sich hier:

Dabei bleibt dies die entscheidende Frage: Wie kann man den Westwall und vor allem seine Funktion in der NS-Zeit Interessierten (und weniger Interessierten) vermitteln?
