Der Westwall als Gedenkstätte und Ort der politischen Bildung.
Einige Anmerkungen
Während in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg die verbliebenen Anlagen des Westwalls abgerissen wurden, gab es seit den 1970er Jahren private Initiativen von Vereinen oder Einzelpersonen, bestimmte Anlagen zu erhalten und für das Publikum begehbar zu machen.
Dabei investierten sie viel Mühe und handwerkliches Geschick zur Restaurierung der Bunker, wie beispielsweise die Freiwillige Feuerwehr in Irrel an der luxemburgischen Grenze, die das dortige sog. B-Werk nach jahrelanger Arbeit wieder begehbar machte.
Der Gedanke der politischen Bildung oder Aufklärung spielte dabei jedoch keine größere Rolle. Es ging vornehmlich um technische Aspekte und die Bewältigung einer gemeinsamen Aufgabe.
„Politische Bildung“ – wenngleich auch zweifelhafter Qualität – gelangte jedoch auch in Irrel „durch die Hintertür“ an und in den Bunker, denn Anlaß für die Freilegung des Bunkers waren Kontakte der Kameradschaft des ehemaligen 39. Füselierregiments aus Düsseldorf, das sich seit 1962 regelmäßig dort traf mit der lokalen Freiwilligen Feuerwehr. Mitte der 1970er Jahre reifte in diesem Rahmen der Entschluß auf den Resten des ehemaligen B-Werkes ein Museum und eine Gedenkstätte für das 39. Füsilier-Regiment zu errichten.
Es handelte sich dabei jedoch um „Etikettenschwindel“. Zwar erklärte man die Anlage zur Mahnstelle des Friedens und wies auf die Ehrung der Toten hin, gleichzeitig findet sich in dem sog „Raum der 39er“ unkommentiert eine stattliche Sammlung von NS-Propaganda. Auf die Verluste des Regiments wird verwiesen, aber die denkwürdige Geschichte dieser Einheit ausgeblendet und beispielsweise deren Mithilfe bei der brutalen Niederschlagung des Herero-Aufstandes 1904 unterschlagen. Die Strategie ein militärisches Museum mit dem Etikett „Mahn- und Gedenkstätte“ zu versehen, aber diesem Anspruch aber in der Ausstellung nicht gerecht zu werden, ist unter den Militärmuseen leider keine Ausnahme.
Anhand dieses kurzen Abrisses ist ein wesentlicher Teil der problematischen Situation verdeutlicht: Die bisherige Nutzung und Präsentation vieler Westwall-Anlagen ist geprägt von einer Mischung aus unpolitischem Engagement, das getrieben wird von Technikbegeisterung und Gemeinschaftsgefühl. Gleichzeitig wird durch die unkritische Haltung die Verbreitung rechtsextremen Gedankenguts erleichtert. Eine Kontextualisierung der Geschichte findet zumeist nicht statt. Die Bunker werden oftmals als rein militärische Verteidigungsanlagen dargestellt und unkommentiert in einer Reihe mit der Festung Ehrenbreitstein oder der Maginot-Linie gebracht. Dieser Zustand ist wenig verwunderlich zumal fachliche Hilfe von Historikern und Museumsdidaktikern ausblieb. Die Betreiber der Anlagen wurden zumeist alleine gelassen.
Auf der anderen Seite wurde das bisher kaum als Mangel empfunden, da die recht hohen Besucherzahlen den Betreibern signalisierten, daß sie nicht auf Ablehnung oder Desinteresse, sondern auf großes Wohlwollen in der Bevölkerung stießen.
Dieses Echo wiederum führte seit einiger Zeit zu Überlegungen von weiteren Initiativen, welche die Anlagen zu überwiegend kommerziellen Zwecken für den Tourismus vermarkten wollen. Diese Tendenzen sind in den letzten beiden Jahren vermehrt zu beobachten. Beispiele sind der Westwallweg in der Verbandsgemeinde Bad Bergzabern, das Westwallzentrum in der Eifel oder Überlegungen bez. der Burg Vogelsang.
Typisch für den Umgang mit dem Westwall sowohl bei staatlichen als auch bei privaten Stellen ist ganz allgemein der Mangel an kompetenten Fachkräften, die sich mit den zahlreichen Funktionen des Westwall auskennen. Treffend gibt dies der Auspruch einer leitenden Mitarbeiterin des Denkmalschutzes bei einer Tagung zum Westwall die Lage wieder: „Wir leben bezüglich des Westwalls alle vom Halbwissen“. Tatsächlich beschäftigen sich viele Einrichtungen im Rahmen ihrer sonstigen Arbeit lediglich mit den jeweiligen Teilaspekten des Westwalls:
- der Denkmalschutz, dem es um Architektur und Bewahrung geht
- die Betreiber von Westwallanlagen, den es um populäre Darstellung und Militärgeschichte geht
- rechtsextreme und revisionistische Kreise, welche die Popularität der Bunker benutzen, um Revisionismus und Geschichtsklitterung zu betreiben
- der Naturschutz, der sich um Flora und Fauna bemüht und der die Bunker vor allem als Biotop sieht („grüner Wall im Westen“)
- Marketingfirmen und kommunale Initiativen, die sich vor allem mit Fragen der touristischen Vermarktung beschäftigen
Es sind vor allem zwei Bildungsbereiche, die gefragt wären und bei entsprechender Ausstattung in der Lage wären, Konzepte für einzelne Bunker und Wanderwege zu entwickeln und diese in den historischen Kontext einzuarbeiten. Zum einen wären dies die Universitäten. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Historikern (für den Kontext), Kunsthistorikern und Museumsdidaktikern (für die Frage der Präsentation), Pädagogen (für die Vermittlung) und ggf. Ingenieure (für technische Fragen) wäre sicherlich am erfolgsversprechensten.
Eine Schlüsselrolle käme jedoch den Einrichtungen zur politischen Bildung zu, da diese quasi die Verbindung zwischen der wissenschaftlichen Forschung und der Präsentation und Vermittlung an ein breites Publikum herstellen. Diese sollte das vorhandene Teilwissen sammeln und in Zusammenarbeit mit Didaktikern der bestehenden Gedenkstätten Konzepte und Bildungsmaterial erstellen und aufbereiten. Diese Konzepte und Materialien müßten dann an die Betreiber von Westwall- oder Militärmuseen vermittelt werden und die dortigen Gästeführer entsprechend geschult werden. Zudem müßten Informationstafeln und kleinere Broschüren für diejenigen Gäste erstellt werden, die ohne Begleitung die Einrichtungen besichtigen. In zahlreichen Seminaren, die Anfang 2007 zum Thema Westwall in Bad Bergzabern, Pirmasens, Hinzert (von der LpB Rheinland-Pfalz) und Bonn (von der GIP) zu dem Thema stattfanden und in zahlreichen privaten Gesprächen mit Betreibern von Westwallmuseen in verschiedenen Bundesländern konnte ich die Erfahrung machen, daß seitens der Betreiber das Interesse an historischer und museumsdidaktischer Schulung und Weiterbildung sehr groß ist.
Notwendig wäre vor allem die Zusammenarbeit aller Bundesländern, welche Westwall-Anlagen aufweisen (NRW, Rheinland-Pfalz, Saarland und Baden-Württemberg), damit das „Rad nicht zweimal erfunden werden“ muß.
Weitere Felder der koordinierten Zusammenarbeit ergäbe sich mit staatlichen und privaten Einrichtungen in Frankreich und den Benelux-Staaten, wo es zahlreiche Relikte aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs gibt. Hierbei sind zum einen an die von deutscher Seite geschaffenen Anlagen zu denken wie dem Atlantikwall oder Befestigungen in den Niederlanden als auch eigenen Verteidigungsanlagen wie die Forts in Belgien oder die Maginotlinie. Dies könnte langfristig in Projekte einmünden, die auch ehemalige Konzentrationslager, Gestapostellen, Militärmuseen zu einem grenzüberschreitenden Gesamtkonzept einbezieht. Auf privater Initiative besteht bereits eine derartige Kooperation in der Form der Association des Musées de la Bataille des Ardennes, die allerdings ähnliche Mängel im Bereich Kontextualisierung und Präsentation aufweist wie die meisten der Einzelmuseen.
Da die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen mit Fug und Recht als eine Zeit der militärischen Bollwerke in ganz Europa (von Griechenland bis Belgien) betrachtet werden kann und größere militärische Anlagen über ganz Europa verteilt sind, wäre eine inter-europäische Kooperation zum Thema „Verteidigungsanlagen als Ort der politischen Bildung“ langfristig die beste Lösung. Dabei könnten neben Gemeinsamkeiten auch die Unterschiede deutlich gemacht werden. Hierbei wären nicht nur an die technischen Unterschiede etwa zwischen der Maginotlinie und dem Westwall zu denken (wobei die französischen Anlagen ungleich teurer und aufwendiger waren). Deutlich gemacht werden müßte auch die entgegengesetzte politische Zielsetzung der Anlagen, wobei bei der französischen Variante eine defensive Haltung zum Ausdruck kommt, während es das Ziel der deutschen Anlage war, lediglich „freie Hand“ im Westen für einen Eroberungskrieg im Osten zu bekommen.
Dr. Wolfgang Alt
www.westwall-denk-mal.de
